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Predigt zum Jahreswechsel

Historische Predigt heute gehalten

Silvester, Neujahrsmorgen, Neujahrsabend

Am Jahresabend (Silvesterabend) 1899 wurde das Original dieser Predigt von Karl Storch in der Ulrichskirche zu Magdeburg gehalten. Im Rahmen des Projekts "Historische Predigten" wurde diese leicht geänderte Fassung rezitiert. Sie kann so auch heute als Predigt zur Jahreswende dienen. / Da ist der Originaltext dieser alten Predigt

Wo kommst du her, wo willst du hin?

Eine Predigt zu Genesis (1. Mose) 16,7.8

Diese Einleitung zum Bild "Die Frau am Brunnen" wurde nachträglich hinzugefügt - sie kann entfallen, insbesondere, wenn das Bild nicht vorliegt:

Friede sei mit euch allen und Gnade von Gott unserem Vater und Jesus Christus unserem Herrn.

Zeichnung Frau mit Krug

Ein altes Jahr geht zuende; ein neues Jahr beginnt! Wir blicken zurück, wir schauen nach vorn.

Betrachten wir dazu dieses Bild, das Sie auf dem Liedblatt finden. Lassen wir uns davon etwas sagen für unseren Weg ins neue Jahr. Brunnen - das ist Leben. An den Brunnen gehen - das ist die Suche nach Leben. Dort rasten - das das Innehalten auf dem Lebensweg.

Da ist der gefüllte Krug, abgestellt: das vergangene Leben. Wo kommst du her? Der weiße Krug, die unsichere Zukunft, sorgfältig gehalten: Wo willst du hin?

Ich möchte zu diesem Bild eine alte Predigt sprechen lassen. Vor mehr als 100 Jahren, am Altjahrsabend 1899, wurde sie gehalten, in der evangelischen Ulrichskirche zu Magdeburg. Ich trage sie fast so vor, wie damals der kaiserliche Hofprediger Karl Storch sie ausgearbeitet hat, etwas gekürzt und einige Worte für uns heute verständlich gemacht.

Sie können das Original nachlesen, nachher. Draußen liegt der Text zum Mitnehmen.

 

Die Predigt

Der Predigttext:

"Und der Engel des Herrn fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. Da sprach er zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her, wo willst du hin?" (1. Mose 16, 7 u. 8)

 

Verschmachtet, müde und matt sinkt Hagar am Wasserbrunnen in der Wüste nieder.

Hinter ihr liegen die Jahre, da sie wie eine Herrin in Abrahams reichem Hause schalten und walten durfte ... vor ihr dehnt sich die Zukunft, braun und dürr wie die Wüste.

Hinter ihr liegt die Erfahrung, dass das Glück auf leichten Sohlen vorübereilt ... vor ihr wandern schweren Fußes Entsagung und Hoffnungslosigkeit. Sie hat ein Heim gehabt, sie hat eine Jugend gehabt ... nun sinkt die Heimatlose arm und elend an der Oase nieder.

Es rinnen die Tropfen über den harten Stein und die matte Hand sammelt das spärliche Nass, um die brennenden Lippen zu netzen, aber für die Schmerzen des blutenden Herzens gibt es keine Kühlung.

Und wir glauben es der ärmsten gern: verlassen zu sein, ohne Trost, ohne Hoffnung durch des Lebens Wüste zu gehen, das ist Höllenqual!

Da sitzt sie und sinnt trübe Gedanken. - Hagar! Fällt kein Strahl in deine Nacht ? Bist du ganz verlassen? ganz vereinsamt? - Da rauscht es um ihr müdes Haupt. Ein Bote Gottes steht vor der Weinenden: "Hagar, wo kommst du her? Hagar, wo willst du hin?"

Wie es der armen Verlassenen zu Mute gewesen sein mag? Als mit der Erkenntnis, dass der treue Gott auch das elendeste seiner Kinder nicht verlässt und versäumt, neue Freudigkeit durch ihre Adern rinnt, und wie sie an der Hand des Engels getröstet aus der Wüste schreitet, wer will es ausmalen!

 

Es ist das ein Bild aus alter Zeit - aber es ist ein Bild und Gleichnis für den Neujahrstag.

Und du bist es und ich, denen das Bild mit seiner Unterschrift gilt. Dein Gott und Herr, der dich bis zum Wasserbrunnen des neuen Jahres hat wandern lassen, steht vor dir mit der Frage: "Wo kommst du her? Wo willst du hin?"

So antworte denn! ... und die Antwort lautet? "Aus viel Gottestreue und Barmherzigkeit komme ich!" O, ja es läuten und klingen mit den Neujahrsglocken auch viele volle und übervolle Herzen! Mutterherzen, klingen: "Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!" Vaterherzen, die im Takte des alten lieben Liedes pulsieren: "Gelobt sei deine Treue, die alle Morgen neue!" Junge Herzen, schlagen im Überschwang: "Liebe ist stärker als der Tod, dass auch große Wasser sie nicht auslöschen mögen!" Alte Herzen, klopfen in stiller Bewegung: "Der Herr schenkt uns noch Leben!"

Wir alle, die wir uns allhier zusammenfinden, haben auf den Wegen, die hinter uns liegen, die Erfahrung gemacht, dass Einer bei uns gewesen ist, - der nicht schläft und schlummert - der uns Mut und Kraft und Hoffnung wunderbar erneute - der uns hielt, wo wir zu fallen drohten - der seine Hände über unseren Kindern hielt, wo wir es nicht vermochten - der uns die Arme stärkte wo sie in der Gefahr standen, schlaff herabzusinken - Ja, antwortet: Wir kommen aus einem Jahre voller Gottestreue und Barmherzigkeit! Und wenn wir aus einem Jahre voller Mühe und Arbeit kommen ...? Wohl dem, der schaffen und arbeiten durfte, und wohl dem, dem die Arbeit nicht Mühsal und Last war! Denn nicht wehmütig und resigniert, sondern freudigen Mutes stehen wir auf dem Gottesworte: Wenn es köstlich gewesen ist, ist es Mühe und Arbeit gewesen!

Wenn alle, die ihre Hände wacker gerührt haben, auf die Frage: "Wo kommt ihr her?" antworten dürfen: "Aus viel Mühe und Arbeit!" so ist es gut. Denn niemals hat der Heiland tatenlose Beschaulichkeit als Ideal, und niemals emsiges Arbeiten als Schreckbild hingestellt: Sein Leben ist ein Leben der Arbeit gewesen.

Aus viel Mühe und Arbeit kommen wir her. Und wenn wir kommen aus einem Jahre vielfacher Heimsuchungen...?

Ich weiß: Manche Hand haben wir vor Jahresfrist noch drücken dürfen - nun ist sie starr und kalt. So manches treue Auge hatte mit uns fröhlich in die kommende Zeit geschaut - nun ist die Netzhaut zerrissen. So manches Herz schlug für uns - nun ist sein letzter Schlag verhallt.

Und so manche Mutter sinkt wie Hagar nieder, und es ist ihr zu Mut, als ob Wüsten vor ihrem Fuß lägen, und so manchem Vater wird das Auge nass, wenn er an die Herzen denkt, die nicht hier, sondern nun weit draußen schlagen.

Ach, die Tränenkrüglein wurden auch im vergangenem Jahre voll geweint ... übervoll! und Leid und Harm ziehen durch unsere Seele; wir kommen aus vielfacher Heimsuchung!

 

Und aus vielfacher Schuld kommen wir.

Beantworten wir es ruhig!

Wie Gespenster ziehen die Sünden der vergangenen Tage an unserem Auge vorüber. Wir fragen einen Tag nach dem andern, und jeder hat unsere Schwachheit gesehen ... wie uns blinder Groll packte, und wie wir schwach genug waren, uns davon binden zu lassen! ... wie in der Seele Neid und Missgunst aufsteigen, und wie wir schmählich unterlagen! ... wie der Hass aufloderte und die Lieblosigkeit entbrannte ... wie wir uns vor denen verschlossen, die auf unsere Liebe den ersten Anspruch hatten ... wie wir - Männer und Frauen - nicht miteinander, sondern oftmals nur nebeneinander gingen ... wie die Väter nicht des Hauses Seelsorger, die Mütter nicht des Hauses Friede waren, und wie die Kinder nicht den Ölzweigen um den Tisch des Hauses glichen ... ach, so vieles ist durch unsere Schuld wüst geworden und wüst geblieben: wir kommen aus viel Schuld und Übertretung.

Und wir kommen nicht allein ... mit uns kommt unser ganzes Volk. Und woher kommst du? Wollen wir antworten: aus einem Friedensjahre!?

Ja, Gottlob! Vom Rhein bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt durften wir in Frieden wohnen, und auch im verflossenen Jahre hat Gott der Herr unseren Herrschenden die Friedensgedanken gestärkt. Möge er sie auf diesem Wege weiterführen.

Aber um der deutschen Ehre willen hat so mancher draußen in fernen Landen sein junges Leben lassen müssen, und immer noch müssen Mutterherzen bangen, wenn die Zeitung von neuen Verlusten meldet, von neuen Krisenherden.

Wo kommst du her? so müssen wir heute unsere Kirche fragen. Aus der Wüste? Ja ... vielfach waren es Wüstenwege, die sie wandeln musste ... Durch die Wüste der Gleichgültigkeit, in der Hunderttausende verharren, und dabei nicht merken, wie sie innerlich verschmachten ... durch die Wüste der Verständnislosigkeit, in der Aber-Hunderttausende stehen, und sie haben keine andere Frage als die: Was kann uns die Kirche noch sein? Schafft sie uns Brot und Behagen?

Auch! Unsere evangelische Kirche ist dieses Weges gezogen. Und immer noch rauscht doch der Kirche der Brunnen, der Wasser die Fülle hat. Und wird uns in diesen kritischen Zeitläufen bange, so stärkt uns der Engel Gottes am Wasserbrunnen: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird in Ewigkeit nicht dürsten!

 

Da kommst du her!

Nun aber, sag´ an, wo willst du hin?

Wollten wir die Gedankenlosen fragen, so würden die einen seufzen und stöhnen: Wir hinein ins alte Leben, ins alte Elend - die anderen würden jauchzen: Hinein in neue Lust und in neues Vergnügen ... die dritten würden rechnen und sprechen: Vorwärts zu neuem Gewinn! Frisch auf zur Jagd nach dem Glück! Noch andere würden uns die Wege zu neuen Ehren und Auszeichnungen zu rühmen wissen - nun sag´ an: Wo willst du hin?

Lasst uns antworten: Zu neuer Arbeit! - Dass wir nur zu der Erkenntnis kommen: Der Platz, auf dem wir stehen, ist uns von Gott zubereitet! Dass wir nur unsere Arbeit zu Gottes Ehre verrichten und mehr und mehr die Erfahrung machen, dass alle rechtschaffene Arbeit, das stille und feste da sein, wo man uns braucht, nicht der Fluch, sondern der Segen des Lebens ist!

Und hinein müssen wir in neue Sorge! Wer die Tiefen der Sorge nicht kennt, der kennt das Leben nur von der Oberfläche - und in Sorgenstunden gerade macht man Lebenserfahrungen, die einem in guten Stunden versagt bleiben. Also nicht klagen und nicht verzagen, sondern frisch hinein: und es wird so tief nicht sein!

Wo willst du hin ? Wir antworten zum Schluss: Hinein in neues Leben! Leben heißt nicht bloß, von einem Jahre zum andern, von einer Mühe zur andern wandern - Leben heißt auch nicht bloß, des Lebens Lasten wie des Lebens Freuden tragen - heißt nicht, sich von den Fluten der Vergnüglichkeit treiben lassen - wir müssen höher denken von dem, was wir Leben nennen! Gott ist Leben!

Wir leben für so Vieles, was eigentlich keinen Lebenskeim in sich trägt: dass wir doch endlich dem wahrhaftigen Leben leben wollten!

Wir streben nach so Vielem in der Welt, was sich hernach als tot erweist: dass wir doch endlich das Eine, Lebendige und Lebensspendende erstreben wollten! - Kann man’s denn erreichen?

 

Die Rechte streckt´ ich suchend / oft in Harmesnächten / Und fühlt´ gedrückt sie unverhofft / von einer Rechten - / Was Gott ist, wird in Ewigkeit / kein Mensch ergründen / Doch will er treu sich allezeit / Mit uns verbünden !

Ja, Freunde: - mit uns verbünden will er sich! Und da steht er am Wasserbrunnen in der Wüste - er selbst, der unsere Hand in Gottes, seines himmlischen Vaters Hand legt: Jesus Christus, der Brunnenquell alles Lebens!

Hin zu ihm - dass seiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte - dass seine Treue unsere Untreue zerbreche - dass seine Geduld uns stille mache - Hin zu ihm - dass sein Wort unseres Lebens Stern werde - dass seine frohe Botschaft uns Freude werde am Tag und Trost in der Nacht! Dass sein Leben uns lebendig mache! Führe zum lebendigen Leben.

Wo willst du hin ? - Es gibt keine bedeutungsvollere Frage. Von ihrer Beantwortung hängt Segen wie Unsegen unseres Lebens ab.

Nun wohlan: wen da dürstet, der komme zu ihm und trinke! und die Wüste wird ein gut Land werden.

Amen

 

Hand zeigt nach rechts Da ist der Originaltext dieser alten Predigt

So kann man historische Predigten heutzutage im Gottesdienst und in der Gemeindearbeit nutzen: Einleitung

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