Der Gottesdienst

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Eine neue Zeit beginnt

Eine Andacht mit Meditation - zum Jahresende bzw. zum Jahresanfang. Auch mitten im Jahr, kann dieser Text als Andacht zum Thema "Zeit" dienen.

Zu dieser Predigt gehören meditative Texte, bei denen die Hörerinnen und Hörer gebeten werden, diese mit geschlossenen Augen zu hören. Diese Texte stammen aus "Das Zeitbuch" von Frank Maibaum. Diese Texte und viele weitere Zeittexte finden Sie auf der Website "www.geschichte-der-zeit". Am besten ist, dass diese besinnlichen Texte von einer zweiten Person in ruhigem Ton gelesen werden.

Nicht alle eingeschobenen meditativen Texte (Gedichte zu Zeit) müssen gelesen werden - wählen Sie aus, je nachdem, wieviel Zeit Ihnen für die Andacht (Predigt) zur Verfügung steht. Texte, die in der Ansprache keinen Platz finden, können den liturgischen Rahmen bereichern.

Eine Predigt zum Jahreswechsel

Silvester bzw. Neujahr

In ein neues Jahr laufen wir nicht einfach hinein, ohne uns zu besinnen. Ein Jahreswechsel ist immer ein guter Grund innezuhalten, um die Vergangenheit und die Zukunft zu bedenken und Wege neu zu suchen. Es ist jährlich neu faszinierend, das Ende eines alten und den Beginn eines neuen Jahres mitzuerleben. Und selten suchen wir so sehr den Sinn und das Wesen der Zeit zu ergründen, wie in diesen Tagen. Suchen wir doch heute gemeinsam. Ich lade Sie ein, innezuhalten, und mit mir über Zeit nachzudenken.

"Wie die Zeit vergeht!", hörte ich in den letzten Tagen immer wieder. "Wie sie dahinrinnt, die Zeit!" "Sie fließt daher." "Sie rast davon." Traurig, sentimental, hilflos werden solche Sätze gesprochen. Ohnmacht und Ehrfurcht drücken sie gleichzeitig aus. "Die Zeit jagt uns durch den Tag", "Wir schlagen die Zeit tot" – auch solche Ausdrücke haben wir für die Zeit, als sei sie unser Feind oder ein Ungeheuer.

Lassen wir doch heute, die Zeit einen Augenblick stillstehen, um sie genauer zu betrachten. Ich bitte Sie, für eine kleine meditative Übung einmal die Augen zu schließen. Schließen Sie ihre Augen bitte jetzt.

 

(Man folgt mit geschlossenen Augen dieser "Phantasiereise")

Stellen Sie sich mit geschlossenen Augen eine große Uhr vor, die über Ihrem Kopf schwebt. - Eine Uhr mit Stundenzeiger, Minutenzeiger und Sekundenzeiger. - Der Sekundenzeiger bewegt sich von Sekunde zu Sekunde. – Vielleicht gelingt es Ihnen, diese Uhr zu sehen. - Nun versuchen Sie, den Sekundenzeiger in Gedanken stillstehen zu lassen. – Sie sehen eine große Uhr, der Sekundenzeiger steht still. Versuchen Sie die große Uhr zu sehen, die still steht. – Bewahren Sie diese Uhr vor Ihrem geistigen Auge. - Sagen Sie sich in Gedanken: "Die Zeit steht still - ich habe viel Zeit. - Hier sitze ich nun, keiner drängt mich - keiner jagt mich. – Die Uhr steht still. - Die Zeit ist meine Verbündete. – Sie sehen die stillstehende Uhr und Sie sehen sich selbst. - Versuchen Sie zu fühlen: "Die Zeit steht still. - Ich habe Zeit. - Du, großer Gott hast mir die Zeit geschenkt. Meine Zeit liegt in Deinen Händen."

 

Öffnen Sie die Augen wieder.

Vielleicht ist es Ihnen gelungen, die Zeit zu fühlen und zu spüren, dass sie nicht rast, und Sie nicht von ihr gejagt werden. Falls es Ihnen hier, jetzt nicht gelungen ist, versuchen Sie es daheim noch einmal. In unserer rasenden Welt, in der wir ständig eine unaufhaltsame Uhr als Gegenüber haben, fühlen wir uns nur in ganz seltenen Augenblicken so, als stände die Zeit still.

Wenn ich einmal ganz weit zurück blicke, Jahrtausende zurück, zu dem Hirten, der dankbar und staunend betete, "Meine Zeit, oh Herr, liegt in Deinen Händen!", so kann ich mir einen Menschen vorstellen, dessen Leben erfüllt war von dem Gefühl, "die Zeit rast mir nicht davon". Er sah die Gestirne am Himmelszelt; sie kamen und sie gingen. Doch sie kamen immer wieder. Er lebte nicht in dem Gefühl, dass die Zeit verrinnt oder gar davonrast, denn der Tag kam für ihn immer wieder – derselbe Tag. Uralte Texte, insbesondere viele biblische Psalmen zeugen von diesem Lebensgefühl – einem Gefühl der Geborgenheit in der ewigen Zeit.

 

So erlebte der Hirte vor Jahrtausenden die Zeit

Die Uhr des Hirten aus biblischen Zeiten war das Himmelsgewölbe, an dem sich des Tages die Sonne und des Nachts der Mond und die Sterne bewegten. Die Gleichförmigkeit dieser Bewegungen gaben dem Hirten Halt und Zuversicht. Auf Tag und Nacht, auf die Jahreszeiten, auf Wachsen und Vergehen konnte er sich verlassen.

Der Hirte spürte: "Es gibt Zuverlässiges mitten in meinem täglichen Kampf ums überleben." Die Beobachtung der Gestirne half ihm, sich nicht als Opfer einer unberechenbaren Unordnung zu sehen und als Opfer einer nach vorne rasenden Zeit; sondern er fühlte sich als Teil dieser Ordnung. "Ich bin geborgen, umsorgt und geleitet wie meine Schafe, die unter meinem Schutz stehen," wurde ihm zum Glaubenssatz. In Liedern gab er dieser Gewissheit nachhaltig Ausdruck. Der große König David, war in seiner Jugend ein solcher Hirte. Können wir uns ihn vorstellen? Hören Sie, wie er seine Lieder sang! Schließen Sie bitte noch einmal die Augen - jetzt.

 

(Die Hörer und Hörerinnen schließen die Augen und hören so diesen meditativen Text, der am besten von einer zweiten Person gelesen wird.)

Ich bestaune den Himmel, / Mond und Sterne auf ihren Bahnen, wie klein ist doch der Mensch, / und doch leitest Du, / der über allem steht, / auch ihn. (Psalm 8)

Der Himmel ruft allen zu: / "Groß und allmächtig ist Gott." Die Gestirne bezeugen seine Schöpfermacht. / Ein Tag sagt es dem anderen weiter, / die Nacht ruft es der nächsten zu. / Ich höre keinen Laut, / und doch geht eine Botschaft / bis ans Ende der Erde. / Ich sehe die Gestirne auf ihren Bahnen / und ich erkenne: Du zeigst auch mir / den Weg zum Leben. (Psalm 19)

Gott ist mein Hirte, / immer sorgt er für mich, / er bringt mich auf saftige Weiden, / am frischen Wasser lässt er mich ruhen. / Er gibt mir Kraft und führt mich, / damit ich mich in der unendlichen Weite nicht verlaufe. (Psalm 23)

 

Öffnen Sie die Augen, Schauen Sie nun wieder in diese Welt!

So kann man singen, wenn das Gegenüber nicht die Uhr ist, wenn das Gegenüber die Wunder Gottes sind, wenn das tägliche Gegenüber Gott selbst ist. Ja, wir dürfen mitten in unserem Leben, das von Jahr zu Jahr rast, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, gerne mal stehen bleiben und zu den Gestirnen schauen.

Auch ich könnte mal wieder, / in die weite, sternklare Nacht schauen, / um Unendlichkeit zu erahnen / und die Ewigkeit zu erspüren. / Ich könnte mal wieder, / die Sterne zählen, / fragend, wie viel Zukunft bevorsteht, / wie viel Segen sein wird, / wie viel Hoffnung ich haben darf. Ich könnte mal wieder / zu den Sternen schauen, / nicht, um sie zu deuten, / aber um zu hören, / welche Antwort / aus der Stille / zu mir dringt. / Ich könnte mal wieder / in die Sterne schauen / und mir zurufen lassen: "Der Segen, / der über der ewigen Vergangenheit / und unendlichen Zukunft liegt, / gilt auch für dich." (Aus: F. Maibaum, "Das Zeitbuch")

 

Was können wir über die Zeit lernen - vom Hirten?

Das können wir lernen vom Hirten, von Menschen wie diesem David. Das können wir heute noch lernen, viele Jahrtausende danach. Das können wir lernen und mitnehmen: Nicht unser Hochmut trägt uns in eine lichte Zukunft, nicht unser Stolz auf unsere oft so sinnvollen aber oft auch fragwürdigen Errungenschaften. Die Zeit messen wir nun im Nanosekundentakt mit Atomuhren; aber das sollte uns nicht zu weit wegtragen von den Hirten, die diese Psalmen schrieben; von den Menschen, denen die Schar der Engel auf dem Felde zurief: "Fürchtet euch nicht, euch ist heute der Heiland geboren."

Ich beneide ihn nicht, / den chaldäischen Hirten, / der seit Jahrtausenden / seine Herde begleitet, / die sein Leben ausmacht. / Ich beneide ihn nicht, / denn ich liebe, / was mein Leben ausmacht, so vielfältig, / so technisch, / so reichlich.

Ich beneide ihn nicht, / doch ein Stück von ihm lass mich finden in dem, was mein Leben bestimmt. Seine Geborgenheit in der ewigen Landschaft lass mich finden in den engen Straßen meiner Stadt. Seine Dankbarkeit für das karge Wachsen in der Wüste lass mich finden auf rissigem Asphalt. Seine Zufriedenheit mit einer Hand voll Lebensnotwendigem / lass mich finden mitten im satten Überfluss.

Ich beneide ihn nicht, / denn ich liebe, / mein Leben, so geschäftig, / so schnell, / so unbedenklich. / Doch ein Stück von ihm lass mich finden / mitten in meinem Leben. / Lass mich am Morgen so aufatmen und spüren, dass mein Leben täglich neu beginnt. / Lass mich dann und wann die Zeit vergessen, / die Stunden und Tage nicht zählen.

Lass mich am Abend mitfühlend bei denen sein, die so viel Grund haben, die Nacht zu fürchten. / Ein Stück von ihm lass mich finden, / in getroster Ruhe und Kraft für jeden neuen Tag.

Dann können wir stehen bleiben, innehalten. So wie wir es heute hier im Gottesdienst tun. Es ist so wichtig, dass wir uns immer wieder die Zeit dafür schenken lassen, als Gegenüber nicht die Uhr, sondern den ewigen Gott zu spüren.

Wenn wir so innehalten – womit füllt sich dann die Zeit, die sich weit vor uns auftut. Womit lohnt es sich, den Lebensraum zu füllen. Gott hat uns Kraft, Verstand, Kreativität gegeben es selbst herauszufinden. Und er hat schließlich menschliche Gestalt angenommen, um uns mit der Nase darauf zu stoßen.

 

Eine neue Zeit beginnt!

Eine neue Zeit hat schon längst begonnen!

Halten wir einen Augenblick bei ihm stehen, dessen Geburtstag wir vor einigen Tagen feierten! Wo und wann blieb er stehen? Was geschah, wenn er innehielt? Wofür nahm er sich Zeit, als ob sie keine Bedeutung habe?

Ich sehe den Bettler vor dem Tor am Tempel zu Jerusalem. Da ist die sich vorbeidrängende Menge. Ein Geldstück hat man vielleicht übrig für ihn – keine Zeit, kein Wort. Anders Jesus. Er bleibt stehen. Und er stellt alle "Selbstverständlichkeiten" auf den Kopf: Kein Geldstück hat er übrig, aber Zeit. Zeit für ein "gutes Wort", für ein Gespräch. Ganz neu ist diese Erfahrung für den Bettler am Rand der vorbeieilenden Menge, die nicht mal einen "Augenblick" erübrigt. Erfüllend, heilend ist diese Begegnung für diesen kranken, einsamen alten Menschen. "Eine neue Zeit hat begonnen", mag er gedacht haben nach dieser Begegnung; so wie die Frau am Brunnen. Die Samaritanerin, die am Brunnen Wasser schöpfte, dachte es nicht nur, sie lief nach der Begegnung mit Jesus in die nächste Stadt und rief es allen zu: "Eine neue Zeit hat begonnen!"

Eine neue Zeit hat begonnen. Das dürfen wir gerne feiern – ganz besonders feiern, heute, mehr als 2000 Jahre danach. Eine neue Zeit beginnt immer da, wo die Zeit stehen bleibt. Sie beginnt da, wo der Mensch im Mittelpunkt steht – um Jesu Christi willen. Eine neue Zeit beginnt immer da, wo wir alle Zeit haben, Gott im Menschen und den Menschen in Gott zu erkennen.

 

Kann man heutzutage noch so innehalten?

Ist es noch möglich, so stehen zu bleiben? Ist es noch möglich, bei der rasanten Geschwindigkeit, mit der unsere Welt dahinrast von Jahr zu Jahr? Schließen Sie bitte noch einmal die Augen - jetzt.

Wie die Erde sich dreht, / jetzt in diesem Augenblick / mit 1670 Stundenkilometern um die Achse! / Kann ich da Halt bewahren?

Ich entsinne mich, / wie ich als Kind auf dem Jahrmarkt auf einer sich drehenden Platte stand, / mich um die eigene Achse bewegte. / Nein, ich konnte den Halt nicht bewahren, / und wie ich torkelte, rutschte / fiel!

Mit welcher Geschwindigkeit / die Erde um die Sonne rast! / 30 Kilometer pro Sekunde legt sie zurück. / Wie kann ich da die Orientierung behalten?

Ich sehe das Kettenkarussell vor mir, / in dem ich als Kind so gerne im Kreise flog. / Wir versuchten uns etwas zuzurufen, / oder gar die Hand einer Freundin zu fassen, die neben uns flog - oft vergeblich. / Noch schwerer ist es, / bei der rasanten Fahrt dieser Welt einen freundlichen Blick zu werfen und zu erhaschen, / eine Hand zu reichen und zu greifen, / ein freundliches Wort zuzurufen und zu hören.

Schneller als jedes Karussell / bewegt sich diese Welt. / In der nächsten Sekunde / sind wir mit ihr schon 30 Kilometer weiter auf ihrer Bahn.

Als Kind, auf dem Karussell, / haben wir Übung darin bekommen, die Geschwindigkeit in Gedanken zu verlangsamen. / Bei rasender Geschwindigkeit, / haben sich unsere Blicke getroffen, / unsere Hände erreicht, / als ständen wir still.

Wie ein Karussell ist diese Welt / immer schneller rast die Zeit. / Und doch kann man es schaffen, / sich Blicke zuzuwerfen, / Hände zu fassen / Worte zu sagen, / die Zeit anzuhalten / die Welt stillstehen zu lassen. / Der Ruf / ich liebe dich! / kann noch gelingen. / Wir haben alles das geübt, / bei einer Geschwindigkeit, die uns Angst und Freude machte, / als wir noch Kinder waren.

An der Schwelle zu einem neuen Jahr, das Dahinrasen verlangsamen, die Zeit anhalten, die Welt mit neuen Augen sehen, den Raum mit Sinn füllen, mit neuer Hoffnung weitergehen, die Zeit dabei nicht als Feind haben, sondern als freundliches Gegenüber, als Geschenk – Gott reicht uns dazu die Hand.

 

Gott nimmt sich Zeit, bleibt bei uns stehen!

Er ruft uns zu, mitten in die Geschwindigkeit unserer Tage und Jahre hinein:

"Deine Zeit liegt in meinen Händen. Du musst die Zeit nicht machen, nicht die Nacht und nicht den Tag. Ich sorge für dich. Komm, höre und schau und schmecke – nimm die Zeit aus meiner Hand und lege sie zurück. Alles hat seine Zeit! Hier ist das neue Jahr."

So kann die neue Zeit beginnen, jeden Tag neu. Wir können es schaffen, denn er bleibt bei uns stehen, kennt uns wie niemand sonst, gibt uns ein gutes Wort. Gott ruft: "Ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende."

Ich wünsche, dass wir es schaffen, hin und wieder stehen zu bleiben, innezuhalten, den Zuspruch immer wieder neu zu hören. Hören wir ihn, wenn wir heute Nacht in den Sternenhimmel schauen und wenn wir uns ein frohes neues Jahr wünschen.

Ja, dann beginnt eine neue Zeit: für uns, wie für die Frau am Brunnen, dem Menschen an der Tempeltür, dem Gelähmten am Teich Bethesda, so auch für dich – 2000 Jahre danach. Amen.