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Eine historische Predigt zum Buß- und Bettag

Eine programmatische Predigt Bekennender Christen im Dritten Reich am Buß- und Bettag 1933 zu den Themen Kirche, Staat und kirchlicher Widerstand. Die Predigt wurde am 2. Juli 1933 in der Jesus-Christus-Kirche zu Berlin-Dahlem, gemeinsam gehalten von den drei Pfarrern der Gemeinde: Fritz Müller, Martin Niemöller, Eberhard Röhricht.

Dies ist die leicht gekürzte Fassung, wie sie im Rahmen des Projektes "Historische Predigten" 70 Jahre später rezitiert wurde.

Hand zeigt nach rechts Da ist dieser gesamte Buß- und Bettagsgottesdienst mit Predigt in der Originalfassung.

Pfarrer Fritz Müller hielt 1933 den ersten Teil der Predigt:

Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen!

1. Petrus 2,13.

In einer so bewegenden Zeit, wie sie unsre Kirche wohl seit den Tagen der Reformation nicht erlebt hat, suchen wir Weisung aus Gottes Wort. Gottes Wort der Gemeinde zu verkündigen, ist Aufgabe der Pfarrer. Es war uns Dahlemer Pfarrern Bedürfnis, heute gemeinsam zu unsrer Gemeinde zu sprechen. Mit ihr beugen wir uns unter Gottes Wort. Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, so ruft es uns zu.

 

Ein starkes Band umschließt uns alle.

Dieses Band hält uns fest, ob wir gleich durch Meere und Länder von der Heimat geschieden wären; es bindet uns auch hier im Gotteshause. Das ist unser Volkstum. Kein Mensch wählt sich das Volk, dem er angehört. Gott hat es ihm gegeben. Er hat uns durch unsre Geburt unlöslich in unser deutsches Volk hineingestellt. Darum lieben wir es so heiß!

In unsrem Volkstum wurzelt unser Staat. Wir, die wir nicht anders als deutsch fühlen, deutsch denken, ja deutsch leben können, haben es immer gewusst und auch betont, dass unser Staat uns nicht ein Zweckverband ist, in dem der einzelne auf einen möglichst geringen Teil seiner Freiheit verzichtet, um das Wohlbefinden möglichst vieler sicherzustellen. So würde er nur der Selbstsucht dienen. Wir freuen uns dankbar vor Gott, dass wir einen Volksstaat haben. Uns ist der Staat die Ordnung, die inmitten unsres Volkstums uns erwächst.

 

Martin Luther sieht den Staat immer in enger Verbundenheit mit der Familie.

Eltern und Herren nennt er in einem Atemzuge. Das tut er in der Erklärung des vierten Gebotes, das allen anderen Geboten voransteht, welche die Beziehungen der Menschen untereinander regeln, das zugleich das erste gebot ist, welches Verheißung hat. In Liebe und Zucht sind die Eltern die Träger des Willens Gottes. Ohne die Ordnung, die der Staat verkörpert, wäre kein Zusammenleben der Menschen möglich. Gott ist nicht ein Gott der Unordnung. So gilt sein Wort: Seit untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen!

 

Wohl dem Staat, der um diese Bindung an Gott weiß.

So kann es sich für den Christen nicht darum handeln, in kluger Vorsicht nur jeden Zusammenstoß mit dem Staate zu vermeiden, weil er Strafe nach sich zieht. Den Staat wollen wir willig bejahen! Es soll auch in Zukunft bleiben, wie die Geschichte es uns lehrt: das deutsche Volk hat die treuesten Glieder des Staates immer in den Reihen der evangelischen Kirche gehabt. Es müsst überflüssig sein, auch nur ein Wort hierüber zu verlieren. Uns zwingt dazu die schmähliche Verdächtigung unsrer Kirche, ihrer Führer und unsrer selbst, als seien wir staatsfeindlich.

 

Man kann uns tieferen Schmerz und größeres Unrecht nicht antun.

Wir wissen unsre Kirche, ihre Führer und uns frei von dieser Schuld. Nicht auf Verdienste weisen wir hin. Evangelischer Haltung entspricht allein der volle Einsatz des ganzen Menschen mit all seinem Wesen, mit all seiner Kraft. Wir dienen dem Staate nicht um Lohnes willen, sondern in der Bescheidung, die das Evangelium uns lehrt: Wenn ihr das alles getan habt, so sprecht, wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren! Das will es besagen: Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen!

 

Wir sind in glücklicherer Lage als die Christen, denen unser Wort ursprünglich galt.

Unser Staat will das Christentum bewusst bejahen. Jene standen unter der volksfremden Römerherrschaft. Ihr Staat war völlig heidnisch. Und doch war es nicht eine Maßnahme menschlicher Klugheit, die das Verhältnis der Christen zum Staate nur irgendwie erträglich gestalten wollte, sondern es war die Gebundenheit in Gott, wenn Paulus an die Christen in Rom schreiben konnte, ja schreiben musste: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wir sind als Christen in keinem Fall von der Mitarbeit an den Dingen des Staates entbunden. Als das Volk Israel in der Verbannung war, musste der Prophet ihm das Wort zurufen:

Suchet der Stadt Bestes!

 

Das haben wir getan, solange wir den Gott feindlichen Staat in unsrer Mitte erleiden mussten. Man hat die evangelische Kirche trotz ihres äußerlich gering gewordenen Einflusses das Gewissen des Staates nennen dürfen. So wollen wir auch in Zukunft dem christlichen Staate dienen, nicht von irgendwelchen Machtansprüchen getrieben, aber der Verantwortung bewusst: Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen!

Und nun soll es keine Kritik an dem gegenwärtigen Staate sein, sondern es trifft auf jeden Staat zu, möge seine Gestaltung sein, welche sie wolle: bei aller Gottverbundenheit bleibt er zugleich als eine menschliche Ordnung mitverwoben in alle Sünde der Menschen. Nie kann er eine reine Verwirklichung seiner hohen Idee sein. Seine irdische Erscheinung ist gebrochen durch die Sünde.

Was hier vom Staate als einer menschlichen Ordnung gilt, erstreckt sich Gleicherweise auf die andere große Lebensordnung, die den Christen nach Gottes Willen umfasst: die Kirche. Es gibt auf Erden keine vollkommene Kirche!

Dennoch bleiben wir beiden untertan. Das heißt nicht, dass wir nur geschehen lassen, was geschieht, weil wir diese Ordnungen als eben notwendig hinnehmen.

Gott ruft uns zu lebendiger Tat in diesen Ordnungen. Sind wir treu, so werden Staat und Kirche davon Segen haben. Wir schaffen ihn nicht durch all unser tun. Gott gibt den Segen.

Treue gegen den Staat und Treue gegen die Kirche umfassen denselben Menschen, erwachsen auf dem gleichen Boden. Gottes Wort führt uns dazu: Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen! Amen.

 

Gemeinde singt:

Hilf uns, Herr, in allen Dingen, / dass wir unser Amt und Werk / wohl anfangen und vollbringen, / gib uns Weisheit, Kraft und Stärk. / Ohne deine Segenshand / ist verloren Stand und Land. / Hilf uns, Herr, in allen Dingen / und lass alles wohl gelingen. (In einigen Landesteilen des EG ist dieses Lied noch erhalten. Melodie wie EG 475: „Werde munter, mein Gemüte“

 

 

Pfarrer Martin Niemöller setzt die Predigt fort:

Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.

Matthäus 6,10

Alle menschliche Ordnung hat ihre Autorität von Gott, der sie geschaffen und über uns gesetzt hat, so dass wir in ihrem Bereich nicht tun und lassen dürfen, was uns gefällt, sondern tun und lassen müssen, was sie befiehlt. So sprechen wir – und mit Recht – von der Heiligkeit der Ehe und der Familie, des Volkstums und der Nation, des Rechtes und des Staates; so sind wir diesen Ordnungen untertan, gewiss auch aus Neigung und natürlichem Empfinden, aber letztlich doch auf höheren Befehl, aus einer unabweisbaren Pflicht – um Gottes willen; auch da noch, wo solcher Gehorsam einmal gegen unsre Neigung und gegen unser Empfinden geht; ja selbst dann noch, wenn dieser Gehorsam Opfer von uns fordert, die wir nicht gern und freiwillig bringen.

 

Unser Vaterland hat von Gott her ein Recht auf uns, und in diesem Recht begegnet uns der Wille Gottes.

Es gehört einfach mit dazu, wenn Gottes Wille auf erden geschehen soll, dass wir mit tut und Blut, mit Leib und Leben für Weib und Kind, für Volk und Staat einstehen. Und so beten wir mit diesem Gebet: „Dein Wille geschehe!“ um ein gehorsames Herz gegen Gottes Ordnungen, in die wir gestellt sind. Es gehört schlechterdings und unabweisbar zu unsrem Christsein, dass wir treue Gatten und Eltern, gute Volksgenossen und Patrioten, gehorsame Bürger und Untertanen sein müssen. Darauf beruht der alte Erfahrungsschatz, dass ein echter Christ auch ein rechter Staatsbürger ist.

Aber wenn wir sagen, dass alle menschliche Ordnung ihre Autorität von Gott hat, so haben wir damit noch nicht alles gesagt; ja, wir sagen damit zunächst nur etwas, was sogar zum Fluch werden kann. Denn alle menschliche Ordnung hat auch an der Sünde teil und kann damit zum Hindernis werden, so dass Gottes Wille auf Erden nicht geschieht.

Diese Gefahr tritt dann ein, wenn wir vergessen, dass alle diese Ordnungen nicht nur Autorität haben, sondern auch unter einer Autorität stehen, der sie sich beugen und der sie gehorchen müssen, dass sie ihr Recht nicht in sich selber tragen, dass sie vielmehr einem Höheren verantwortlich sind.

 

Ehe und Familie, Volk und Nation, Recht und Staat sind nicht um ihrer selbst willen da, so wenig sie um der Menschen willen da sind.

Sie sollen Gottes Werkzeuge sein, damit sie seinen Auftrag erfüllen. Und da hat jede Ordnung ihren ganz besonderen Auftrag, um des willen Gott sie gesetzt hat.

Wenn die Ehe weniger ist, als sie nach Gottes Willen sein soll – nämlich eine unlösliche volle Lebensgemeinschaft -, wenn sie sich ihre Gesetze von menschlichen Wünschen und Bedürfnissen vorschreiben lässt, so wird sie zur Sünde, dann steht sie dem Willen Gottes im Wege!

 

Und umgekehrt: wenn eine menschliche Ordnung weitergreift, hinaus über den Auftrag, den Gott ihr gegeben hat, so gerät sie mit Gottes Willen in Konflikt und wird damit sündig.

Es gibt mancherlei von solchem Zuwenig und solchem Zuviel in den Ordnungen, in die wir hineingestellt sind; denn all diese Ordnungen werden von Menschen, von sündigen Menschen gestaltet und verwaltet. Darum gibt es keine Ehe und Familie, kein Volk und keine Nation, kein Recht und keinen Staat, die wirklich und ganz heilig wären, die ganz dem Willen Gottes entsprächen, weil überall menschliche Schwachheit und Bosheit, menschliche Ohnmacht und Leidenschaft mit im Spiele sind. Und wenn wir beten: „Dein Wille geschehe auf Erden!“ so bitten wir damit nicht nur um ein gehorsames Herz, sondern zugleich darum, dass die menschlichen Ordnungen, in denen wir leben, von dem Geist Gottes erfüllt werden möchten und dem Willen Gottes und seinem Auftrag dienen möchten.

Deshalb beten wir für die christliche Ehe und Kindererziehung, für Volk und Vaterland, für Staat und Obrigkeit, auf dass alle diese Ordnungen ihre ihnen zugewiesene Aufgabe erkennen und erfüllen – nicht weniger und nicht mehr -, und dass sie uns so zum Segen werden, wenn wir uns ihnen gehorsam beugen.

Doch der Wille Gottes erschöpft sich nicht in diesen Ordnungen. Es ist nicht so, dass Gott nur aus den Ordnungen heraus zu uns spricht. Das tut er auch, und was wir hier zu hören bekommen, ist sein Gesetz, das Gebot: du sollst! Aber wir haben noch ein anderes Wort von ihm, ein Wort in dem er unmittelbarer zu uns spricht, und dieses Wort heißt: du darfst! Du darfst ein Gotteskind sein! Dies Wort heißt Jesus, und es ist kein Zufall, dass dieser Jesus mitten in den menschlichen Ordnungen steht und doch frei von ihnen ist. Für ihn gilt weder Ehe noch Familie, weder Volk noch Nation, weder Recht noch Staat. Als der Sohn Gottes steht er über dem allen und hat dennoch und gerade so als das lebendige Wort Gottes all diesen Ordnungen das Beste gegeben, nämlich Menschen, die den Willen Gottes gern tun, nicht als ein Müssen, sondern als ein Dürfen, nicht als Knechte, sondern als Kinder! Hier wird die dritte Bitte erst zu einem echten, freien Gebet: Dein Wille geschehe – auch auf Erden!

 

Liebe Gemeinde! Das ist heute unsre tiefe Sorge und unser ernstes Anliegen, dass die Botschaft von diesem Jesus, dass das Wort, das aus Menschen Gotteskinder macht, freibleibe von der Autorität menschlicher Ordnungen, damit es diesen menschlichen Ordnungen wahrhaft dienen kann.

Es ist nicht wohlgetan, wenn wir so tun wollen, als müsste die christliche Kirche in ihrer Verkündigung Grenzen anerkennen. Es wächst ein böser Schaden daraus für den, der diese Grenzen zieht.

Auch unser Volk, auch unser Staat braucht die freie Verkündigung der Jesus-Botschaft; auch unsre Nation muss sich dem Gericht Gottes beugen, wenn anders sie leben will. Sonst versperren wir dem Willen Gottes den Weg und entziehen uns seiner Autorität.
Unser Volk braucht eine freie Kirche, damit der Herr Christus uns zu einem freien Volke machen kann, das an seinem Willen gebunden und durch diesen Willen untereinander verbunden ist: „Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.“ Amen.

 

Gemeinde singt:

Herr Jesu hilf, dein Kirch erhalt ... (2 Verse / nicht mehr in einer EG Ausgabe zu finden)

 

 

Pfarrer Röhricht hält den dritten Teil der Predigt zur Situation der Kirche im 3. Reich:

Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Markus 1,15b.

Noch einmal muss ich es aussprechen, in welche innere Bedrängnis des Gewissens diese Tage uns gebracht haben! Vielleicht nie im Leben haben wir so stark empfunden, was das heißt: wenn einem befohlen wird im Namen der Gewalt, der man als Christ gehorchen will, was man doch nicht mit gutem Gewissen tun kann, nämlich heute einen Dankgottesdienst zu halten, heute nicht von dem zu sprechen, was einem auf der Seele brennt. Und ich weiß, dass viele Glieder der Gemeinde mit uns in der gleichen Not des Gewissens stehen. Wir sind aber unsren Gemeinden durch unser Amtgelübde die Wahrheit schuldig, die Wahrheit Gottes, so gut wir sie nur selbst kennen und sagen können!

 

Es geht ja in dem Geschehen dieser Tage für alle, die mit Ernst evangelische Christen sein wollen, um Entscheidendes: darum, ob unsere Kirche wirklich, durch niemand und durch nichts eingeschränkt, Gottes Wort in seinem ganzen Ernst und in seiner ganzen Herrlichkeit so verkünden kann, dass ihre Gemeinden es ihr glauben können, dass sie das tut, so gut sie nur Gottes Wort und Willen versteht.

 

Denn nur eine innerlich ganz und nur an Gott gebundene und darum ganz freie Kirche kann dem Volke den Dienst tun, den sie ihm tun soll und dem allein Gottes Segen verheißen ist: das Herrn Jesu Wort und Auftrag ausrichten: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ –

Ich weiß, wir sprechen heute zu sehr verschiedenen Gemeindegliedern, zu solchen, die auf der einen oder auf der andern Seite stehen, wie vielleicht auch zu solchen, die unentschieden und fragend dazwischen stehen. Und ich bitte euch: lasst uns in allem, was jetzt geschieht, nicht nur auf die Menschen sehen, sondern auf Gott; nicht nur auf die anderen, sondern auf uns selbst! Wenn wir in solche Kämpfe und Gewissensnöte gekommen sind, so spricht eben darin ja Gott selbst zu uns, zu jedem unter uns. Und diese ernsten Tage wären, ebenso wie all die leichten und lichten Zeiten, die Gott und miteinander geschenkt hat, dann an uns verloren, wenn wir nicht spüren, dass Gott selbst damit uns meint, an und handelt, zu uns redet.

 

Es ist für jeden evangelischen Christen notwendig, dass er in Entscheidungszeiten Stellung nehme und nicht abseits stehe!

Aber wenn wir einen Kampf zu führen haben, so wollen wir ihn nur um das führen, was Gott uns anvertraut und aufgetragen hat, und so führen, wie wir ihn vor Gott verantworten können. Und wenn wir einen Kampf führen um Recht und Unrecht – wir wollen nicht vergessen, dass für einen Christenmenschen der ernsteste Feind niemals drüben und außen steht; der wirkliche Feind steht innen! Alle äußere Anfechtung wird uns erst dann gefährlich, wenn wir selbst vor ihr im Innersten versagen. Darum können wir von Recht oder Unrecht, von Sünde und Umkehr nur dann reden, wenn wir selbst uns zuerst unter Gottes Gericht beugen und Buße tun. Die wirkliche Kirche und wahre Gemeinde ist nur da, wo man Jesu Wort hört: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

Ach, wolle Gott doch helfen, dass wir heute so vor ihm stehen! Lasst uns darüber uns besinnen: wir sind die Kirche, wir selbst – aber sind wir wirkliche evangelische Christen? Die ihre Kirche mittragen, lebendige Glieder am Leib dessen, der das Haupt ist, Christus? Wer von uns muss sich vor Gott nicht anklagen? Sind wir es wert, nach Christus uns zu nennen? Sind wir ein „Salz“ und ein „Licht“ in unsrer Welt? Wer müsst sich vor Gott nicht schämen seiner Harthörigkeit und Halbheit, seiner Lässigkeit im Gebet, seines Kleinglaubens uns seiner Feigheit, seines Ehrgeizes uns seiner Armut und Liebe?

„Tut Buße!“ Es gibt ja keine Christenheit, keine Gemeinschaft mit Gott ohne die Umkehr, ohne den ernsten, täglichen Widerstand gegen das Böse! Aber wie ist das bei uns oft alles so gewohnheitsmäßig, so lässig. Und Gott muss schon sehr kräftig an unsrer Tür rütteln, dass wir es wieder spüren, welch ein heiliger, gewaltiger Gott er ist!

„Tut Buße!“ Wie können wir dazu uns entschließen ohne zugleich, zuerst „dem Evangelium zu glauben?“ Nur weil Christus uns ruft, weil Gott in seiner Gnade uns zu sich ruft, der Vater seine verlorenen Kinder in seine Arme, nur weil wir dieser guten Botschaft trauen dürfen, gibt es einen Zug und einen Willen und eine Kraft zur Umkehr für uns. Dass wir doch wieder aufs neue den Mut fassten, dem Evangelium zu glauben, mit fröhlichem Herzen, mit dem Mut, der es auf Gottes Verheißung wagt, der so auf Gott trotzt, wie wir es in dem Wort Luthers vorher gehört haben! Dass doch das Evangelium wirklich die Kraft unsres Tages und das licht unsres Weges und unser Halt sei, gerade da, wo es gegen allen menschlichen Augenschein geht!

Meine liebe Dahlemer Gemeinde! Ich glaube, ihr wisst, dass wir, eure Pfarrer, euch allezeit das gepredigt haben, was wir euch predigen sollten, so gut wir es verstanden und sagen konnten: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Wir und die, die mit uns und vor uns unter euch gearbeitet haben, Männer, die ihr nicht vergessen habt, denen ihr vertrautet und dankbar seid. Und ich meine, etwas anderes, als was ihr von ihnen gehört habt: die Buße und den glauben an das Evangelium, wolltet ihr nicht hören; und ihr seid der Meinung, dass wir eben so unsrem deutschen Volk am treuesten dienen, wenn wir das miteinander verkünden und hören und tun: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

 

Und nun bitten wir euch, nicht als Bessere oder irgendwie von oben herab, sondern als die mit euch dem Evangelium unsres Herrn Jesu Christi glauben wollen: Lasst diese Zeit der Erschütterung und der Besinnung mit Gottes Hilfe einen neuen Anfang unsres Christenlebens sein, einen Anstoß Gottes!

Dass wir zum ersten aufs neue verstehen, was Gott uns von Kind auf in unsrer Kirche und unsrer Gemeinde gab, welche Gabe er uns darin gab: sich selbst und seine Gnade durch Jesus Christus und Trost und Freudigkeit und einen ewigen Halt im Leben und im Sterben. Und welche Verantwortung wir damit vor Gott tragen, dass das reine Evangelium uns, unsern Kindern, unserm Volk auch erhalten bleibe. Auf dass das ganze Leben unsrer Gemeinde und vor allem unsre Gottesdienste ein wirkliches Bekenntnis werde, so wie am heutigen Tage! – Zum andern aber einen Anstoß Gottes, dass in unsern Häusern Gottes Wort zur beherrschenden Macht unsrer Tage werde, das vom häuslichen Gottesdienst aus das Leben der Familie und ihrer Glieder regiert. Dass die Bibel unter uns zu Ehren käme als unser tägliches Brot, nicht nach noch neben, sondern weit vor und über der Zeitung! – Endlich aber soll das ernste Geschehen dieser Tage uns ein Anstoß Gottes sein zum Gebet, zum Gebet, das von Gottes kraft und Gottes Hilfe alles erwartet und erbittet. Die betende Kirche wird die heimliche Kraft unsres Volkes sein – oder wir versagen uns im entscheidenden Punkte unserm Volke!

 

Eins aber haben wir in diesen Tagen doch merken dürfen, und dafür wollen wir Gott danken: Wir haben etwas merken dürfen von der wirklichen Kirche!

„Er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben“ – das ist wohl wahr! Quer durch alle Kreise und Schichten der Gemeinden geht die verborgene kette derer, die da leben von dem Worte Christi: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“, die miteinander verbunden sind, weil sie an Ihn gebunden sind und in Ihm ihre Kraft und Freudigkeit haben. Eine heimliche, unsichtbare Kirche – aber, Gott sei Dank!, doch eben nicht so ganz unsichtbar!

Unser Herr Jesus Christus ist bei uns noch nicht ausgezogen! Es könnte wohl so sein, dass er auszieht, aus unserer Kirche, aus unserem Volk, dass alles nur noch schein und Äußerlichkeit ist, und keine Gemeinde, keine Kirche, kein Volk ist davor gesichert. Aber wo noch Menschen sind, denen es wirklich um sein Wort geht: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“, da ist auch Er noch bei uns. Und darum soll das vor allem anderen unser Gebet sein: „Ach bleib mit deiner Gnade bei und, Herr Jesu Chris!“

Amen.

Gemeinde singt:

Ach bleib mit deiner Gnade ... / Ach bleib mit deinem Worte ... / Ach bleib mit deinem Glanze ... / Ach bleib mit deinem Segen ... (EG 347)

 

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