Der Gottesdienst

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Predigt des Bischofs Clemens August von Galen in St. Lamberti zu Münster am 3. August 1941

Hier ist die Predigt etwas gekürzt, wie sie sechzig Jahre später im Rahmen des Projekts "Historische Predigten" rezitiert wurde.

Hier auf der Seite:

Die Predigt

Das Leben des Bischofs C. A. von Galen

Da ist die ungekürzte Predigt mit zusätzlichen Texten, die von Galen las.

Andächtige Christen!

In dem am 6.7. in allen Kirchen Deutschlands verlesenen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe heißt es unter anderem:

"Gewiss gibt es nach der katholischen Sittenlehre positive Gebote, die nicht mehr verpflichten, wenn ihre Erfüllung mit allzu großen Schwierigkeiten verbunden ist. Es gibt aber auch heilige Gewissensverpflichtungen, von denen uns niemand befreien kann, und die wir erfüllen müssen, koste es uns selbst das Leben: Nie, unter keinen Umständen darf der Mensch außerhalb des Krieges und der gerechten Notwehr einen Unschuldigen töten!"

Ich hatte schon am 6.7 Veranlassung, diesen Worten des gemeinsamen Hirtenbriefes in Telgte folgende Erläuterung hinzuzufügen:

"Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heilanstalten und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden.

Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, und dass man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe sogenanntes lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine Lehre, die furchtbar ist, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen lnvaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt."

Wie ich zuverlässig erfahren habe, werden jetzt auch in den Heil- und Pflegeanstalten der Provinz Westfalen Listen aufgestellt von solchen Pfleglingen, die als sogenannte "unproduktive Volksgenossen" abtransportiert und in kurzer Zeit ums Leben gebracht werden sollen. Aus der Anstalt Marienthal bei Münster ist im Laufe dieser Woche der Transport abgegangen!

Deutsche Männer und Frauen! Noch hat Gesetzeskraft der § 211 des Strafgesetzbuches, der bestimmt: "Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung mit Überlegung ausführt, wegen Mordes mit dem Tode bestraft."

Wohl um diejenigen, die jene armen kranken Menschen, Angehörige unserer Familien, vorsätzlich töten, vor dieser gesetzlichen Bestrafung zu bewahren, werden die zur Tötung bestimmten Kranken aus der Heimat abtransportiert in eine entfernte Anstalt. Als Todesursache wird dann eine Krankheit irgendwelcher Art angegeben. Da die Leiche sogleich verbrannt wird, können die Angehörigen und auch die Kriminalpolizei es hinterher nicht mehr feststellen, ob die Krankheit wirklich vorgelegen hat und welche Todesursache vorlag.

Es ist mir versichert worden, dass man im Reichsministerium des Innern und auf der Dienststelle des Reichsärzteführers Dr. Conti gar kein Hehl daraus machte, dass tatsächlich schon eine große Zahl von Kranken in Deutschland vorsätzlich getötet worden ist und in Zukunft getötet werden soll.

 

Das Strafgesetzbuch bestimmt: "Wer von dem Vorhaben eines Verbrechens wider das Leben glaubhafte Kenntnis erhält und es unterlässt, der Behörde oder dem Bedrohten zur rechten Zeit Anzeige zu machen, wird bestraft."

Als ich von dem Vorhaben erfuhr, Kranke aus Marienthal abzutransportieren, um sie zu töten, habe ich am 28. 7. bei der Staatsanwaltschaft beim Landgericht in Münster und beim Herrn Polizeipräsidenten in Münster Anzeige erstattet durch eingeschriebenen Brief mit folgendem Inhalt:

"Nach mir zugegangenen Nachrichten soll im Laufe dieser Woche (man spricht vom 31.7) eine große Anzahl Pfleglinge der Provinzialheilanstalt Marienthal bei Münster als sogenannte "unproduktive Volksgenossen" nach der Heilanstalt Eichberg überführt werden, um dann alsbald wie es nach solchen Transporten aus anderen Heilanstalten nach allgemeiner Überzeugung geschehen ist, vorsätzlich getötet zu werden. Da ein derartiges Vorgehen nicht nur dem göttlichen und natürlichen Sittengesetz widerstrebt, sondern auch als Mord nach §211 Str.G.B. mit dem Tode zu bestrafen ist, erstatte ich gemäß §139 Str.G.B. pflichtgemäß Anzeige und bitte die bedrohten Volksgenossen unverzüglich durch Vorgehen gegen den Abtransport und die Ermordung beabsichtigenden Stellen zu schützen und mir von dem Veranlassten Nachricht zu geben."

Nachricht über ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft oder der Polizei ist mir nicht zugegangen. - Ich hatte bereits am 26.7 bei der Provinzialverwaltung der Provinz Westfalen, der die Anstalten unterstehen, der die Kranken zur Pflege und Heilung anvertraut sind, schriftlich ernstesten Einspruch erhoben. Es hat nichts genutzt! Der erste Transport der schuldlos zum Tode Verurteilten ist von Marienthal abgegangen! Und aus der Heilanstalt Warstein sind, wie ich höre, bereits 800 Kranke abtransportiert.

 

So müssen wir damit rechnen, dass die armen wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum?

Nicht weil sie ein todeswürdiges Verbrechen begangen haben, nicht etwa, weil sie ihren Wärter oder Pfleger angegriffen haben, so dass diesem nichts anderes übrig blieb, als dass er zur Erhaltung des eigenen Lebens in gerechter Notwehr dem Angreifer mit Gewalt entgegentrat. Das sind Fälle, in denen neben der Tötung des bewaffneten Landesfeindes im gerechten Krieg Gewaltanwendung bis zur Tötung erlaubt und nicht selten geboten ist.

Nein, nicht aus solchen Gründen müssen jene unglücklichen Kranken sterben, sondern darum, weil sie nach dem Urteil irgendeines Arztes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommission "lebensunwert" geworden sind, weil sie nach diesen Gutachten zu den "unproduktiven Volksgenossen" gehören. Man urteilt: sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes Pferd, das unheilbar lahm geworden ist, sie sind wie eine Kuh, die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit solch einer alten Maschine? Sie wird verschrottet! Was tut man mit solch einem lahmen Pferd, mit solch einem unproduktiven Stück Vieh?

Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um Pferd oder Kuh, deren einzige Bestimmung ist, dem Menschen zu dienen, für den Menschen Güter zu produzieren! Man mag sie zerschlagen, man mag sie schlachten, sobald sie diese Bestimmung nicht mehr erfüllen! Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen - unproduktive Menschen, meinetwegen -‚aber haben sie dadurch das Recht zu leben verwirkt? Hast Du, habe ich nur solange ein Recht zu leben, solange wir produzieren, solange wir von andern als produktiv anerkannt werden?

 

Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet dass man den unproduktiven Menschen töten darf dann wehe uns allen, wenn wir altersschwach werden!

Wenn man die unproduktiven Mitmenschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Produktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt, geopfert und eingebüßt haben! Wenn man die unproduktiven Menschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als Schwerkriegsverletzte, als Krüppel, als Invaliden in die Heimat zurückkehren!

Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, unproduktive Mitmenschen zu töten, und es jetzt zunächst arme und wehrlose Geisteskranke trifft, dann ist grundsätzlich der Mord an allen unproduktiven Menschen, also an unheilbar Kranken, den arbeitsunfähigen Krüppeln, den Invaliden der Arbeit und des Krieges, dann ist der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben. Dann braucht nur irgendein Geheimerlass anzuordnen, dass das bei den Geisteskranken erprobte Verfahren auch auf andere "Unproduktive" anzuwenden sei. Dann ist keiner von uns seines Lebens sicher. Irgendeine Kommission kann ihn auf die Liste der Unproduktiven setzen, die nach ihrem Urteil lebensunwert geworden sind. Und keine Polizei wird ihn schützen, kein Gericht wird seine Ermordung ahnden und den Mörder der verdienten Strafe übergeben. - Wer kann dann noch Vertrauen haben zu einem Arzt? Vielleicht meldet er den Kranken als unproduktiv und erhält die Anweisung, ihn zu töten!

 

Es ist nicht auszudenken, welche Verwilderung der Sitten, welch allgemeines gegenseitiges Misstrauen bis in die Familien hineingetragen wird, wenn diese furchtbare Lehre geduldet, angenommen und befolgt wird! Wehe den Menschen, wehe unserem deutschen Volke, wenn das heilige Gottesgebot: "Du sollst nicht töten", das der Herr unter Blitz und Donner auf Sinai verkündet hat, das Gott, unser Schöpfer, von Anfang an in das Gewissen der Menschen geschrieben hat, nicht nur übertreten wird, sondern wenn diese Übertretung sogar geduldet und ungestraft ausgeübt wird!

 

Ich will Euch ein Beispiel sagen von dem, was jetzt geschieht:

In Marienthal war ein Mann von 55 Jahren, ein Bauer aus einer Landgemeinde des Münsterlandes, ich könnte Euch den Namen nennen, der seit einigen Jahren unter Geistesstörungen leidet und den man daher der Provinzialheil- und Pflegeanstalt zur Pflege anvertraut hatte. Er war nicht ganz verrückt, er konnte Besuch empfangen und freute sich immer, sooft seine Angehörigen kamen. Noch vor 14 Tagen hatte er Besuch von seiner Frau und einem seiner Söhne, der als Soldat an der Front steht und Heimaturlaub hatte. Der Sohn hing sehr an seinem kranken Vater. So war der Abschied schwer: Wer weiß, ob der Soldat wiederkommt und den Vater wiedersieht, denn er kann ja im Kampf für die Volksgenossen fallen!

Der Sohn, der Soldat wird wohl sicher den Vater auf Erden nicht wiedersehen; denn er ist seitdem auf die Liste der Unproduktiven gesetzt. Ein Verwandter, der in dieser Woche den Vater besuchen wollte in Marienthal, wurde abgewiesen mit der Auskunft, der Kranke sei auf Anordnung des Ministerrates für Landesverteidigung von hier abtransportiert; wohin, könne nicht gesagt werden. (Man werde Nachricht erhalten.) Wie wird diese Nachricht lauten?

Wieder sowie in anderen Fällen? Dass der Mann gestorben sei, dass die Leiche verbrannt sei, dass die Asche gegen Entrichtung einer Gebühr abgeliefert werden könne! Dann wird der Sohn, der im Felde steht und für die deutschen Volksgenossen sein Leben einsetzt, den Vater auf Erden nicht mehr sehen, weil deutsche Volksgenossen in der Heimat ihn um‘s Leben gebracht haben!!! Die von mir hier ausgesprochenen Tatsachen stehen fest! Ich kann den Namen des kranken Mannes, seiner Frau, seines Sohnes, der Soldat ist, nennen und den Ort, wo sie wohnen!

"Du sollst nicht töten!" Gott hat dieses Gebot in das Gewissen der Menschen geschrieben, längst ehe ein Strafgesetzbuch den Mord mit Strafe bedrohte, längst ehe ein Staatsanwalt und Gericht den Mord verfolgte und ahndete. Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, war ein Mörder, lange bevor es Staaten und Gerichte gab. Und er bekannte gedrängt von der Anklage seines Gewissens:

"Größer ist meine Missetat, als dass ich Verzeihung finden könnte. Jeder, der mich findet, wird mich, den Mörder, töten!"

"Du sollst nicht töten!" Dieses Gebot Gottes, des einzigen Herrn, der das Recht hat, über Leben und Tod zu befinden, war von Anfang an in die Herzen der Menschen geschrieben, längst bevor Gott den Kindern Israels am Berge Sinai sein Sittengesetz mit jenen lapidaren, in Stein gehauenen kurzen Sätzen verkündet hat, die uns in der Heiligen Schrift aufgezeichnet sind, die wir als Kinder aus dem Katechismus auswendig gelernt haben.

"Ich bin der Herr, dein Gott!" So hebt dieses unabänderliche Gesetz an. ,,Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!" Der einzige, ewige, überweltliche, allmächtige, allwissende Schöpfer und einstige Richter! Aus Liebe zu uns hat er diese Gebote in unseren Herzen eingeschrieben und sie verkündet denn sie entsprechen dem Bedürfnis unserer von Gott geschaffenen Natur; sie sind die unabdingbaren Normen eines vernunftgemäßen, eines gottgefälligen, eines heilbringenden und heiligen Menschenlebens und Gemeinschaftslebens!

Gott, unser Vater, will mit diesen Geboten uns, seine Kinder, sammeln, wie die Henne ihre Küklein sammelt unter ihre Flügel. Wenn wir Menschen diesen Befehlen, diesen Einladungen, diesem Rufe Gottes folgen, dann sind wir behütet, beschützt, von Unheil bewahrt, gegen das drohende Verderben verteidigt, wie das Küklein unter den Flügeln der Henne! "Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich Deine Kinder sammeln wollen, wie die Henne ihre Küklein unter ihre Flügel sammelt Aber du hast nicht gewollt!" Soll das auf‘s neue wahr werden in unserem deutschen Vaterland, in unserer westfälischen Heimat in unserer Stadt Münster? Wie steht es in Deutschland, wie steht es hier bei uns mit dem Gehorsam gegen die göttlichen Gebote?

 

Das 8. Gebot "Du sollst nicht lügen; du sollst kein falsches Zeugnis geben !" Wie oft wird es frech, auch öffentlich verletzt!

Das 7. Gebot "Du sollst nicht fremdes Gut dir aneignen !"Wessen Eigentum ist noch sicher nach der willkürlichen und rücksichtslosen Enteignung des Eigentums unserer Brüder und Schwestern, die katholischen Orden angehören! Wessen Eigentum ist geschützt, wenn dieses widerrechtlich beschlagnahmte Eigentum nicht zurückerstattet wird?

Jetzt wird auch das 5. Gebot "Du sollst nicht töten!" beiseite gesetzt und unter den Augen der zum Schutz der Rechtsordnung und des Lebens verpflichtenden Stellen übertreten, da man es sich herausnimmt, unschuldige, wenn auch kranke Mitmenschen vorsätzlich zu töten, nur weil sie unproduktiv sind, keine Güter mehr produzieren können!

Die Befolgung der drei ersten Gebote ist ja schon lange für die Öffentlichkeit in Deutschland und auch in Münster weithin eingestellt. Von wie vielen wird der Sonntag nebst den Feiertagen entweiht und dem Dienst Gottes entzogen! Wie wird der Name Gottes missbraucht, verunehrt und gelästert!

 

Und das 1. Gebot: "Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!"

Statt des einzig wahren ewigen Gottes macht man sich nach Gefallen eigene Götter, um sie anzubeten: die Natur oder den Staat oder das Volk oder die Rasse! Und wie viele gibt es, deren Gott in Wirklichkeit nach den Worten des heiligen Paulus der Brauch ist, das eigene Wohlbefinden, dem sie alles, selbst Ehre und Gewissen opfern, der Sinnengenus, der Geldrausch, der Machtrausch!

Dann mag man es auch versuchen, sich selbst göttliche Befugnisse anzumaßen, sich zum Herrn zu machen über Leben und Tod der Mitmenschen! "Als Jesu Jerusalem nahe kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn du es doch erkennen wolltest, noch heute, an diesem Tage, was dir zum Frieden dient. Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Sieh, es werden Tage über dich kommen, wo deine Feinde zu Boden schmettern werden dich und deine Kinder und dir keinen Stein auf dem anderen lassen werden, weil du die Tage deiner Heimsuchung nicht erkannt hast."

Mit seinen leiblichen Augen schaute Jesus damals nur die Mauern und Türme der Stadt Jerusalem. Aber seine göttliche Allwissenheit sah tiefer, erkannte wie es innerlich mit der Stadt stand und ihren Bewohnern. "Jerusalem! Ich wollte deine Kinder sammeln wie die Henne ihre Küklein unter ihre Flügel sammelt. Aber du hast nicht gewollt!" Das ist der große Schmerz, den Jesu Herz bedrückt, der seinen Augen Tränen entlockt: Ich wollte dein Bestes; aber du willst nicht! - Jesus sieht das Sündhafte, das Furchtbare, das Verbrecherische, das Verderbenbringende dieses Nichtwollens. Der kleine Mensch, das hinfällige Geschöpf stellt seinen geschaffenen Willen gegen Gottes Willen! Jerusalem und seine Bewohner, sein einst auserwähltes und bevorzugtes Volk stellt seinen Willen gegen Gottes Willen! Trotzt töricht und verbrecherisch dem Willen Gottes! Darum weint Jesus über die abscheuliche Sünde, über die unausbleibliche Bestrafung:

Gott lässt seiner nicht spotten!

 

Christen von Münster!

Hat der Sohn Gottes in seiner Allwissenheit damals nur Jerusalem und sein Volk gesehen? Hat er nur über Jerusalem geweint? Ist das Volk Israel das einzige Volk, das Gott mit Vatersorge und Mutterliebe umgeben, beschützt und an sich gezogen hat? Und das nicht gewollt hat? Das Gottes Wahrheit ablehnt Gottes Gesetz von sich geworfen und so sich in‘s Verderben gestürzt hat? Hat Jesus, der Allwissende Gott, damals auch unser deutsches Volk geschaut, auch unser Westfalenland, Münsterland, den Niederrhein? Und hat er auch über uns geweint? über Münster geweint?

Seit 1000 Jahren hat er unsere Vorfahren und uns mit seiner Wahrheit gelehrt, mit seinem Gesetz geleitet, mit seiner Gnade genährt uns gesammelt wie die Henne ihre Küklein unter ihre Flügel sammelt! Hat der allwissende Gott damals gesehen, dass er in unserer Zeit auch über uns das Urteil sprechen muss: "Du hast nicht gewollt! Seht, euer Haus wird verwüstet werden!" Wie furchtbar wäre das!

Meine Christen! Ich hoffe, es ist noch Zeit; aber es ist höchste Zeit!
Dass wir es erkennen noch heute, was uns zum Frieden dient was allein uns retten und vor dem göttlichen Strafgericht uns bewahren kann:

Dass wir rückhaltlos und ohne Abstrich unser Leben bekennen als katholisch, dass wir die Gebote zur Richtschnur unseres Lebens machen und ernst machen mit dem Wort: Lieber sterben als sündigen! Dass wir in Gebet und aufrichtiger Buße Gottes Verzeihen und Erbarmen herabflehen auf uns, auf unsere Stadt, unser liebes deutsches Volk!

Wer aber fortfahren will, Gottes Strafgericht herauszufordern, wer unsern Glauben lästert, wer Gottes Gebote verachtet, wer gemeinsame Sache macht mit jenen, die unsere Jugend dem Christentum entfremden, die unsere Ordensleute berauben und vertreiben, mit jenen, die unschuldige Menschen, unsere Brüder und Schwestern, dem Tode überliefern, mit denen wollen wir jeden vertrauten Umgang meiden, dessen Einfluss wollen wir uns und die Unsrigen entziehen, damit wir nicht angesteckt werden von seinem gottwidrigen Denken und Handeln, damit wir nicht mitschuldig werden und so mit anheimfallen dem Strafgerichte, das der gerechte Gott verhängen muss und verhängen wird über alle, die gleich der undankbaren Stadt Jerusalem nicht wollen, was Gott will!

 

O Gott, lass uns doch alle heute, an diesem Tage, bevor es zu spät ist erkennen, was uns zum Frieden dient!

O heiligstes Herz Jesu, bis zu Tränen betrübt über die Verblendung und die Missetaten der Menschen, hilf uns mit deiner Gnade, dass wir stets das erstreben, was dir gefällt, und auf das verzichten, was dir missfällt damit wir in deiner Liebe bleiben und Ruhe finden für unsere Seelen! Amen.

Lasset uns beten für die armen vom Tode bedrohten Kranken, für unsere verbannten Ordensleute, für alle Notleidenden, für unsre Soldaten, für unser Volk und Vaterland und seinen Führer.

Gemeinde: Vater unser ...

Da ist die ungekürzte Predigt mit zusätzlichen Texten, die von Galen las.

Von Galens Einleitung zur Predigt

Clemens August von Galen in der Lamberti-Kirche zu Münster am 3. August 1941 sprach dies als Einleitung zu seiner Predigt:

Meine lieben Diözesanen!

In Matthäus 37 lesen wir: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.“

Eine erschütternde Begebenheit ist es, die das Evangelium berichtet: Jesus weint! Der Sohn Gottes weint!

Wer weint, der leidet Schmerzen; Schmerzen am Leibe oder am Herzen. Jesus litt damals noch nicht dem Leibe nach; und doch weinte er. Wie groß muss der Seelenschmerz, das Herzensweh dieses tapfersten der Männer gewesen sein, dass er weinte! - Warum weinte er?

Er weinte über Jerusalem, über die heilige, ihm so teure Gottesstadt, die Hauptstadt seines Volkes. Er weinte über ihre Bewohner, seine Volksgenossen, weil sie nicht erkannten, was allein die von seiner Allwissenheit vorausgesehenen, von seiner göttlichen Gerechtigkeit vorherbestimmten Strafgerichte abwenden könnte: "Wenn Du doch erkenntest, was dir zum Frieden dient!"

 

Warum erkennen es die Bewohner Jerusalems nicht?

Nicht lange vorher hatte es Jesus ausgesprochen: "Jerusalem, Jerusalem! ...Wie oft wollte ich Deine Kinder versammeln wie eine Henne ihre Küklein unter ihre Flügel sammelt, aber du hast nicht gewollt!" Du hast nicht gewollt! Ich, Dein König, Dein Gott, ich wollte aber du wolltest nicht! Wie geborgen, wie behütet, wie beschützt ist das Küklein unter den Flügeln der Henne; sie wärmt es, sie nährt es, sie verteidigt es.

So wollte ich dich beschützen, behüten, gegen jedes Ungemach dich verteidigen; ich wollte! Du hast nicht gewollt! Darum weint Jesus, darum weint dieser starke Mann. Darum weint Gott! über die Torheit, über des Unrecht über das Verbrechen des Nichtwollens! Und über das daraus entstehende Unheil, das seine Allwissenheit kommen sieht, das seine Gerechtigkeit verhängen muss, wenn der Mensch den Gaben Gottes, allen Mahnungen des Gewissens, allen liebevollen Einladungen des göttlichen Freundes, des besten Vaters, sein Nichtwollen entgegensetzt. "Wenn du es doch erkenntest! Aber du hast nicht gewollt!" Es ist etwas Furchtbares, etwas unerhört Ungerechtes und Verderbenbringendes, wenn der Mensch seinen Willen gegen Gottes Willen stellt! - Ich wollte! Du hast nicht gewollt! Darum weint Jesus über Jerusalem.

 

Biographie des Clemens August Graf von Galen

Werdegang, Lebenslauf und Stationen des Bischofs Clemens August Graf von Galen (Löwen von Münster)

1878 Clemens August Graf von Galen wird am 16. März in Dinklage (Münsterland) als Sohn des Zentrumsabgeordneten Ferdinand Graf von Galen und dessen Frau Elisabeth (geb. von Spee) geboren.

1898-1903 Studium der Theologie in Innsbruck.

1903 Nach seinem Studienortwechsel nach Münster tritt Galen dort in das Priesterseminar ein.

1904 Abschluss des Studiums. Nach seiner Priesterweihe wird er Domvikar in Münster.

1906 Galen siedelt nach Berlin über, wo er als Kaplan in der Großstadtseelsorge tätig ist. In dieser Zeit äußert er mehrfach Skepsis gegenüber der modernen Gesellschaftsordnung und kritisiert auch die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik. Politisch aktiv ist er im konservativen Flügel des Zentrum.

1919 Galen wird Pfarrer von St. Matthias in Schöneberg (ab 1920 eingemeindet zu Berlin).

1929 Er übernimmt die Pfarrei St. Lamberti in Münster.

1933 Papst Pius XI. ernennt Galen zum Bischof von Münster. Die kirchenfeindliche Politik der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) wird von Galen öffentlich verurteilt. Er fordert ein offensives Vorgehen des Episkopats gegen das NS-Regime.

1937 Er fördert maßgeblich die Verbreitung der Enzyklika "Mit brennender Sorge", eines öffentlichen Rundschreibens von Pius XI. an die katholischen Bischöfe in Deutschland. Hierin werden das NS-Regime und seine Kirchen- und Rassenpolitik scharf verurteilt.

1941 Galen hält drei Predigten, in denen er die Beschlagnahmung von Kirchengut und die Euthanasiemaßnahmen der Nationalsozialisten anprangert. Sie werden als Kopien in Deutschland verbreitet und später auch von den Alliierten in Flugblättern auszugsweise vervielfältigt. Aufgrund seiner mutigen Kritik am NS-Staat wird er als "Löwe von Münster" auch im Ausland bekannt.

1942-1945 Galen kritisiert weiter die Rassenpolitik und wendet sich vor allem gegen das Bemühen des NS-Regimes, neuheidnische Feiern und Riten einzuführen. Eine Verhaftung unterbleibt allerdings, um die Loyalität von Katholiken und Münsterländern im Zweiten Weltkrieg nicht zu schwächen.

1945 Nach Kriegsende ruft Galen die Siegermächte zu einer humanen Behandlung der deutschen Bevölkerung und der Kriegsgefangenen auf, was ihn in Gegnerschaft zur britischen Militärverwaltung bringt.

1946 Februar: Papst Pius XII. erhebt Galen in Rom zum Kardinal.

Im Monat darauf, am 22. März, stirbt Clemens August Graf von Galen in Münster.