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Predigt zum Altjahrsabend

Silvesterpredigt - Jahreswechsel

Mit dieser Predigt führte der Prediger Karl Storch in der Ulrichskirche zu Magdeburg am Jahresabend 1899 in ein neues Jahr und Jahrhundert. / Eine Predigt, die man heute genaus so halten kann und wie sie von uns im Projekt "Historische Predigten" rezitiert wurde.

Predigt zum Jahreswechsel

Sylvester-Geläut

Psalm 102,28: "Du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende ..."

Psalm 103,8: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat ..."

Hebräer 13,8: "Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit" ...

Die Glocken im hohen Turm haben nur eine Stimme, sie haben keine Seele. Sie wissen nicht, was sie läuten, sie singen und sagen, was und wie sie müssen. Sie sind die gehorsamen Diener des Meisters, der sie goß, und des Läuters, der sie mit dem Seil in Bewegung setzt, daß der Schwengel in regelmäßigen Wechsel an die metallenen Wände schlägt ....

Aber der Mensch, der die Glocken gerne hört, begabt sie mit einer lebendigen Seele, die fühlen, denken und Worte voll Sinn und Geist sprechen kann. Sie sind ihm wie die Orgel auf dem Chor, wie der himmelanstrebende Turm, darin sie wohnen, Propheten Gottes, Verkünder göttlicher Wahrheiten ....

 

Wie gern lausche ich dem Sylvester-Geläut!

Und wenn am Jahresabende in seine ernsten Akkorde das Neujahrs-Geschrei der Straßenmenschen unharmonisch schrillen wird, so wollen wir doch doppelt andächtig den Herolden aus der Höhe lauschen. Laß sie draußen ihr Wesen treiben ... die ärmsten wissen ja nicht einmal, woher ihnen das gewünschte und erschrieene Glück kommen soll ... Wir aber stehen still und lauschen in die Winternacht hinaus ... das Jahr geht zu Grabe.

In vollem und reinem Dreiklange tönen unsere Glocken:

1. der Grundton zeugt von dem Gott, der da bleibt, wie er ist;

2. die Terz klingt mit dem Danke der Gemeinde: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat;

3. die Quinte schwingt hell und freudig: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit!

 

Erstens

Gott, der da bleibt, wie er ist:

Wolken jagen am dunkeln Himmel dahin und Tage und Wochen entfliehen im bunten Reigen; aber während wir aus dem alten Jahre in das neue wandern, läutet die Glocke vollen Tones:

„Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende“...

Sonst bleibt nichts ... Der Frühling blüht und der Sommer lacht, der Herbst schüttelt das Laub von den Bäumen und der Winter begräbt es unter dem Schnee. Nichts bleibt ...

Kinder werden geboren und Kinder sterben, Liebe findet Liebe und Liebe muß von Liebe scheiden, Manneskraft stemmt sich dem Strom der Zeiten entgegen und versinkt im Strome der Vergänglichkeit ... alles, alles im Enteilen und Entschwinden...

(Wir standen auf der Brücke und blickten auf den Fluß herab. Schwer flutete er im Eisgange dahin und Scholle auf Scholle wälzte er auf seinem Rücken. Und wenn er die Last bis an die Brückenpfeiler geschleppt hatte, dann war’s, als ob er unter ihr aufstöhnte, und in gewaltiger Kraft warf er die Schollen an das Mauerwerk, daß sie mit Geklirr zerschellten. Scholle um Scholle wurde zertrümmert, und hatten wir sie bis dahin in ihrem Gange verfolgen und beobachten können ... nun war’s vorbei mit ihnen ... so rollt die Zeit dahin: auf breitem Rücken trägt sie Scholle um Scholle, bis sie am Brückenpfeiler zerschellen ...

 

Wir bleiben nicht, wie wir sind!

Wir blättern wohl in den Tagen, wo sich der Familienkreis trauter als sonst um das abendliche Licht sammelt, im Photographiealbum. Da werden alte liebe Erinnerungen wach und alte liebe Gesichter gewinnen neues Leben. Da findest du auch dein Bild und hast Mühe, dich selbst aus der Type herauszufinden, und die Kinder wollen’s nicht glauben, daß das Bild dir einst geglichen habe. Und bei dem Blicke auf das einst so volle Haupthaar, auf das fröhlich blitzende Auge, auf die einst stattliche Haltung, fragst du resigniert: Was bleibt?

Wir bleiben nicht, wie wir sind. Weder äußerlich, noch innerlich. Was wir vor zehn Jahren gedacht, geredet und geschrieben haben, verstehen wir heute schon nicht mehr. Unsere Liebe hat ihre Entwicklungsphasen, unsere Begeisterung ihren Wendekreis; unsere Interessen wechseln, unsere Anschauungen festen sich, scheinen unumstößlich und fallen trotzdem zusammen: so fahren unsere Jahre dahin wie Wolken und Nebel am Mitternachtshimmel: Was bleibt?

Ich sah neulich ein Blatt mit Dichter-Portraits. Wie so unzählige von diesen Dichtern, die einem Jahrzehnte etwas gegolten haben, sind für uns völlig bedeutungslos geworden! Was wir in unserer Jugend bewundert, angeschwärmt haben, verstehen wir heute nicht mehr, und unsere Kinder verstehen es erst recht nicht ... nichts, nichts bleibt! ...

Nur einer bleibt, ob Jahre kommen, ob Jahre gehen; einer bleibt, ob Winter droht, ob Frühling lacht; einer bleibt, ob der Sturm dahinfährt, ob die Wolken dunkeln, - und in diesem Einen sind alle Rätsel gelöst, alle Widersprüche aufgehoben; vor diesem Einen sind unsere Jahre nur flüchtige Wellenbewegungen und Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft nur Wolkenbildungen – zu diesem Einen rette ich mich in der Zeiten Flucht, denn ich weiß und glaub: Er bleibet wie Er ist!

Wenn alle untreu werden ... er bleibt treu;
wenn Liebe an Liebe irre wird ... seine Liebe bleibt;
wenn der Sohn im Jugendtrotz den Vater verläßt ... der Vater bleibt ihm Vater;
wenn Monde wechseln und Sterne fallen ...er bleibt, wie er ist!

Eine Liebe kenn’ ich, die ist treu, war getreu, so lang’ ich sie gefunden” ... In ihre Arme rette ich mich in der Zeiten Flucht, in meiner Tage Drang und in meiner Nächte Grauen ... In ihre Hände befehlen wir unser Volk und unsere Gemeinde, und über den Wolken und Nebeln, die durch die Winternacht wogen, wollen wir den Glocken lauschen, die in tiefem Grundton klingen:

„Du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende!“

 

Zweitens

Und weil es so ist, läutet uns die Altjahrs-Glocke in reiner Terz: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!

Die Sonne schien und der Regen rieselte nieder: und es wuchs in der Ebene das Brot und am Hügel der Wein und in grünen ästen geborgen die köstliche Frucht. Viel tausend Wiegen wurden gezimmert und Kinderaugen leuchteten und Kinderlippen lächelten. Der Geist Gottes schwebte über den Wiegen, da wuchsen der Kinder viele und wurden stark im Geist und nahmen zu an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen. Viel tausend Myrtenkränze wurden um bräutliche Stirnen gewunden und die Herzen klopften in süßer, seliger Freude. Die Liebe übernahm die Wacht in dem neuen Hause: da gedieh es und wuchs und ward alle Tage reicher an holdem Frieden. Vielleicht ward dir ein Kindlein geschenkt, vielleicht ward dir der goldene Ring an den Finger gesteckt: Hörst du die Glocke? Sie ruft in hoher Terz: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ .....

Hast du Schweres erfahren? Denkst du des Leides, das dir auferlegt wurde? Lobe den Herrn, der dir Kraft gab, es zu tragen; du weißt doch, nicht vom Hörensagen allein, sondern durch manche Erfahrung, welch treuer Bundesgenosse im Leben das Leid ist, wie es den Charakter läutert, die Liebe gründet, den Glauben stählt, die Hoffnung baut ... möchtest du ohne die Erfahrungen sein, die du gerade im Leide gewonnen hast? Man trifft bisweilen Menschen, die den Eindruck machen, als sei das Leid ihnen noch fremd ... zu beneiden sind sie nicht, denn wir haben diese ernste Schule gar nötig. Darum: lobe den Herrn und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat ... laß dir das laut und vernehmlich in die Seele läuten ...

 

Wir pflegen das Gute hinzunehmen, als ob es uns als ein selbstverständliches beschieden sein müßte!

Und haben doch einst gelernt: „das alles aus lauter väterlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne alle mein Verdienst und Schuldigkeit!“ ... 

Mit wie manchem Gelübde sind wir in das neue Jahr eingetreten, und wie wenig haben wir davon gehalten! Wir wollten fester werden in unserem Vertrauen auf den himmlischen Vater, treuer in der Erfüllung unserer Pflichten, liebevoller im Umgang mit unseren Lieben, weiser in der christlichen Erkenntnis ... nun müssen wir bekennen:

„Das Wollen hatten wir, aber das Vollbringen war nicht unsere Sache.“

Sind wir, wie älter an Jahren so auch reicher geworden am inwendigen Menschen? Haben wir uns mehr und mehr vom Irdischen lösen und dem Himmlischen zuzuwenden gelernt? Treten wir mit einer Leidenschaft weniger in das neue Jahr ein; haben wir uns selbstüberwunden und beherrschen gelernt? Wie schwächlich war unser Gebetsleben, wie armselig unser Verantwortlichkeitsgefühl!

Wir nannten uns mit Emphase Evangelische, Protestanten, und gingen nicht mit dem Evangelium in unsere Tage, nicht als Protestanten durch unser Leben! Evangelisch sein heißt: froher Botschaft voll sein ... und wir sangen das Lied der Alltäglichkeit, gingen mit umwölkter Stirn in den kommenden Morgen und unser Antlitz verkündete selbst den lieben Unseren alles anders als frohe Botschaft ... Und Protestant sein heißt: allezeit trotzen dem Geiste, der Gottes Geist widerspricht, trotzen dem Kleinglauben und dem Kleinmut, trotzen dem, was uns von Gott trennt ... in wie seltenen Fällen waren wir wirklich Protestanten! Wir nannten uns auch mit Vorliebe deutsch-evangelisch ... aber das Deutschtum verlangt und fordert zuerst gefestete Persönlichkeiten, treue Männer, reine Frauen, eine begeisterungsfähige Jugend und ein abgeklärtes Alter. Sind wir je länger je mehr zu deutschen Persönlichkeiten herangereift? ... Das alles beugt uns zweifach, wenn wir die Glocke hören: Vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!

Das ist’s, was an der Menschenbrust
mich oftmals läßt verzagen,
daß sie den Jammer wie die Lust
Vergißt in wenig Tagen ...

Aber das ist’s wiederum, was uns in unserer Schwachheit nicht verzagen, in unseren Irren und Wirren nicht verzweifeln läßt: wir haben einen Gott, der da bleibt wie er ist ... trotz unserer Untreue treu ... trotz unserer Sünden gnädig und barmherzig: Lobe den Herrn, meine Seele ... ob bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist viel mehr Gnade!

Laut und freudig läutet’s die Sylvester-Glocke in hoher, klangvoller Quinte hinaus: „Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe in Ewigkeit!“

 

Drittens

Es hat einmal einer die ungefähre Rechnung aufgestellt, daß jeden Tag 127032 Menschen in die Ewigkeit gehen; 5293 jede Stunde, 88 jede Minute.

Es können etwas mehr, es können etwas weniger sein, was tut es? Diese Zahlen reden eine erschütternde Sprache. Und der Tod ist ein Gleichmacher, gegen den alle andern Gleichmacher armselige Stümper sind. Von jeder Rasse, jedem Glauben (und der Unglaube ist auch ein Glaube), jedem Volk, jedem Stand, jedem Alter fordert er unerbittlich seine Steuern.

Und der Tod ging, wie immer, seine Wege. Dem einen ward das Scheiden herbe; sanft ging ein anderer aus der Welt. Die einen starben auf dem Krankenbett, von ihren Liebsten umgeben, die anderen einsam und verlassen auf fremder Straße. Die einen verschlang das Wasser, die andern das Feuer und das Wetter drinnen im Bergwerk. Die einen brachen, vom Hammerschlage des Todes getroffen, im Freudensaale oder auf zornigen Bergspitzen zusammen, und die andern traf der Schwertschlag oder der Feuerball des Krieges mitten ins Herz. Die einen erlagen einem ungesunden überfluß, und die andern dem gierigsten aller Wölfe, dem Hunger.

Dem einen stieß ein Bruder den Dolch in die ahnungslose Brust, und die andern warfen freiwillig ein Leben von sich, dessen Last weiter zu tragen sie keine Kraft mehr in sich fühlten. Der eine starb auf dem Schafott, „ein Auswurf der menschlichen Gesellschaft“, der andere auf den Höhen des Ruhms, die Stirne umkränzt mit grünem Lorbeer!

... Und du lebst! Wie wird es in abermals dreihundertfünfundsechzig Tagen sein? Hörst du die Glocken? Sie künden dir von dem Einen, der im Wechsel der Zeiten und Tage derselbe bleibt und künden dir von dem Leben dieses Einen, das dein Leben werden muß, wenn du zum Leben eingehen willst: Jesus Christus in Ewigkeit!

Zu ihm müssen wir hinan. Und haben wir ihn gestern nicht gefunden, so müssen wir ihn heute suchen ... Suchen?

 

Ach, wir würden vergebens suchen, wenn er uns nicht selbst entgegenkäme...

Die Glocken werden schweigen, das neue Jahr und Jahrhundert wird da sein. Das neue Jahrhundert? - - - - - Und doch das alte – wenn wir selber nicht neu werden. Erneuere dich, und dein Leben wird sich ändern, bessere dich, und es wird ein gutes Jahrhundert sein. Kann man sich aber bessern? frägst du. Wer frägt, hat den ernsten Willen nicht, kennt auch den nicht, der an der Schwelle jedes Tages, am Wegstein jeder Straße steht und dem Wanderer zuruft:
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich!

 

Es geht ein Wanderer seinen Weg.

Er sieht aus der Wegkarte, daß er durch Täler und über Höhen muß, aber wie tief das Tal und wie hoch der Berg, wie dunkel die Schlucht und wie entzückend die Höhenaussicht sein mag, das ahnt er nur von ferne. Er wandert und schreitet rüstig aus, und oftmals hebt er voller Ungeduld sein Auge, ob denn die Zahl am Meilenstein ihre Höhe noch immer nicht erreicht hat. Da tritt zu ihm ein Führer und spricht: „folge mir, Ich bin der Weg; höre mich, Ich bin die Wahrheit; halte dich an mich, Ich bin das Leben!“ Ob der Wandersmann dem Führer folgen wird? Er muß es, wenn er zu Ihm dem Bleibenden, kommen will. Und ich denke, das wollen wir alle.

So ist es denn Zeit, daß wir an der Erscheinung Jesu Freudigkeit und Erhebung des Geistes gewinnen und daß die Lebenskräfte, deren er voll ist, stark durch unsere Herzen pulsieren.

Es ist Zeit, daß wir mit dem bloßen Nehmen- und Formenchristentum durchaus brechen, und daß sich die, welche sich Evangelisch nennen auf das besinnen, was ursprünglich evangelisch heißt: auf den Vater, der in Treue bleibt, wie er ist, auf Jesum, unsern Herrn und Bruder, der uns den Weg zum Bleibenden erschlossen, gezeigt und geführt hat, auf den heiligen Geist der Wahrheit, des Opfermutes der starken Liebe, des welt-überwindenden Glaubens, der Christusgesinnung. Darin bleiben, heißt in Gott bleiben!

Und nun vorwärts mit Gott!
In ihm sei’s begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels regiert.
Rate du, Vater,
Lenke und wende;
Dir in die Hände Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

 

Die Glocken werden schweigen; das neue Jahr wird da sein ... Und doch das alte, wenn wir selber nicht neu werden.

Erneuere dich, und dein Leben wird neuer Kräfte voll werden, bessere dich, und du wirst ein gutes Jahr haben. Kann man sich aber bessern? frägst du. Wer frägt, hat den ernsten Willen nicht, kennt auch den nicht, von dem jeder unserer Tage zeugt: Jesus Christus, gestern und heute , und derselbe in Ewigkeit.

Amen.

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